Orgelbauer in der fünften Generation: Die Kirchenorgelbau Werkstatt von Wolfram Stützle
Wer die Werkstatt von Wolfram Stützle betritt, betritt zugleich ein Stück Waldkircher Orgelbaugeschichte. Seit 1986 führt der Kirchenorgelbauer den Familienbetrieb weiter – in demselben Gebäude, in dem bereits sein Großvater und sein Urgroßvater gearbeitet haben. Als Anton Kiene 1887 nach Waldkirch kam und dort seine Werkstatt eröffnete, war das etwas Besonderes. Während sich die meisten Betriebe der Stadt auf Drehorgeln spezialisierten, widmete sich Kiene dem Bau von Kirchenorgeln. Diese Tradition lebt bis heute weiter.
Schon als Kind zog es Wolfram Stützle in die Werkstatt seines Großvaters. Eigentlich war sie für Kinder tabu. „Manchmal durfte ich zu meinem Großvater in die Werkstatt“, erinnert er sich. „Die großen Maschinen waren sehr faszinierend.“ Heute arbeiten neben ihm ein Pfeifenmacher und ein Auszubildender. Der Schwerpunkt der Werkstatt liegt auf der Restaurierung und Wartung historischer Kirchenorgeln, gelegentlich entstehen auch neue Instrumente.
Jede Restaurierung schreibt Geschichte
Für Wolfram Stützle bedeutet Restaurieren weit mehr, als eine Orgel wieder spielbar zu machen – er versteht sich als Bewahrer ihrer Geschichte. „Bei einer Restaurierung möchte ich das Wesentliche des Instruments treffen“, erklärt er. „Sodass die Orgel im Sinn des Erbauers überarbeitet wird.“
Dabei stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Soll eine Orgel möglichst in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden oder gehören spätere Veränderungen längst zu ihrer Geschichte? Gerade ältere Instrumente wurden oft über Jahrhunderte immer wieder verändert und an den Klanggeschmack ihrer Zeit angepasst. „Orgeln klingen nach ihrem Jahrhundert“, sagt Stützle. Jede Generation hinterlässt ihre Spuren – und auch eine Restaurierung wird eines Tages selbst Teil der Geschichte sein.
Wie wichtig ihm historische Genauigkeit ist, zeigt sich auch bei den Materialien. Wo immer möglich, verwendet er traditionelle Werkstoffe und Techniken. Holzteile werden beispielsweise mit Knochenleim verbunden – genauso wie vor Jahrhunderten.
Eine Orgel als Familiengeschichte
Ein Instrument verbindet Wolfram Stützle besonders mit seiner eigenen Familiengeschichte: die Orgel der Waldkircher Stadtkapelle. Sie wurde von seinem Urgroßvater 1894 gebaut, später von seinem Großvater überarbeitet und schließlich 2011 von ihm restauriert. Während der Arbeiten hielt er immer wieder Bauteile in den Händen, die bereits seine Vorfahren gefertigt oder restauriert hatten. „Das war ein besonderes Projekt für mich“, sagt er.
Viele der Orgeln, um die er sich kümmert, stehen in der Region. Die Restaurierung nimmt den größten Teil seiner Arbeit ein. „Wer rastet, der rostet gilt auch für Kirchenorgeln“, sagt Stützle. Gerade weil viele Instrumente heute seltener gespielt werden als früher, seien Wartung und Stimmung besonders wichtig.
Klang im Einklang mit dem Raum
Kirchenorgeln unterscheiden sich grundlegend von Drehorgeln. Sie werden über Tasten gespielt und sind darauf ausgelegt, den Kirchenraum klanglich zu erfüllen. Deshalb spielen Architektur und Akustik eine entscheidende Rolle. Auch Konstruktion und Pfeifen unterscheiden sich deutlich von denen einer Drehorgel.
Diese unterschiedlichen Klangwelten lernte Stützle schon früh kennen. Nach seiner Ausbildung arbeitete Stützle einige Zeit in Frankreich. Dort erlebte er, wie unterschiedlich Orgeln je nach Region klingen. „Man hört einem Instrument den Klangstil der Region an“, sagt er. Anschließend kehrte er nach Waldkirch zurück. Sein erster Auftrag führte ihn direkt in die Nachbarschaft: Die Kirchenorgel in der Mariä-Heimsuchung-Kirche in Waldkirch-Suggental musste restauriert werden.
Ein wandelndes Orgellexikon
Die Begeisterung für Orgeln wurde Wolfram Stützle praktisch in die Wiege gelegt. Sein Vater war Lehrer und Kirchenmusiker und gab seine Leidenschaft an den Sohn weiter, der bis heute selbst als Kirchenmusiker tätig ist. Schon als Jugendlicher stand für Stützle fest, dass er den Beruf seines Großvaters erlernen wollte. Bis heute fasziniert ihn die Verbindung aus Musik, Handwerk und Geschichte.
Dass Orgeln für Wolfram Stützle weit mehr sind als ein Beruf, merkt man schon nach wenigen Minuten im Gespräch. Zu nahezu jedem Instrument fällt ihm eine Geschichte ein, zu jeder Epoche eine Besonderheit. Fragt man ihn nach der ältesten erhaltenen Kirchenorgel, muss er nicht lange überlegen. „Eine der ältesten noch spielbaren Orgeln steht in Sion in der Schweiz. Sie wurde Mitte des 15. Jahrhunderts gebaut."
Für Stützle sind Orgeln Familiengeschichte, Handwerkskunst und Musik zugleich. Als Kirchenmusiker kennt er die Instrumente nicht nur von der Werkbank, sondern auch von der Orgelbank. Er baut und restauriert Orgeln nicht nur – er versteht ihre Geschichte, ihren Klang und ihren Platz im Leben der Menschen.
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